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Basale Stimulation in der Pädiatrie

Das eigene Leben spüren

Wenn Kinder und Jugendliche bereits lebensbedrohliche Erfahrungen gemacht haben, ist das besonders schwer. Sie brauchen dann Mitmenschen, die sie in ihren Fähigkeiten unterstützen und die ganz individuell mit ihnen eine Beziehung aufnehmen können. Das Konzept der Basalen Stimulation kann hier eine Basis zum Beziehungsaufbau sein. Von Uta Münstermann

Foto: Oliver Berg, Elsevier

Foto: Oliver Berg, Elsevier

Basale Stimulation zeigt Möglichkeiten, mit jedem einzelnen Kind Kontakt aufzunehmen, pflegerische Angebote zu entwickeln, die das Kind in seiner Autonomie unterstützen. Das bedeutet, dem Menschen Sicherheit, Stabilität und Orientierung über den eigenen Körper zu geben und zudem Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zu fördern.

Zentrale Lebensthemen

Jeder Mensch hat in den unterschiedlichen Lebenssituationen ganz spezielle und ihm eigene Bedürfnisse, die sich grundlegend von anderen unterscheiden und individuell ausgelebt werden. Fragen Sie sich doch einmal, was Sie in Ihrem Leben benötigen, um zufrieden, glücklich und ausgeglichen zu sein. Wahrscheinlich haben Sie ein Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit, Gesundheit, finanzieller Sicherheit, Beziehung und Partnerschaft, Freunden und Bekannten sowie ihrer ganz eigenen Freizeitgestaltung wie Bildung, Sport, Aktivität oder Entspannung und Spiritualität.

Diese Voraussetzungen und Bedürfnisse sind auch in den zentralen Lebensthemen der Basalen Stimulation verankert:

  • Leben erhalten und Entwicklung erfahren
  • Das eigene Leben spüren
  • Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen
  • Den eigenen Rhythmus entwickeln
  • Außenwelt erfahren
  • Beziehung aufnehmen und Begegnung gestalten
  • Sinn und Bedeutung geben
  • Das eigene Leben gestalten
  • Autonom leben und Verantwortung übernehmen
  • Die Welt entdecken und sich entwickeln.

Beziehung aufnehmen und Begegnung gestalten

Kinder brauchen Pflegende, die eine Ebene finden, mit ihnen in Kontakt zu treten. Basale Stimulation beschreibt eine vertrauensvolle Beziehung als Grundlage, gemeinsam mit dem Kind und seinen Eltern individuelle pflegerische Angebote zu entwickeln. Dazu braucht es Pflegende,

  • die die Möglichkeiten des Kindes kommunizieren, sodass seine Bedürfnisse erfasst werden können.
  • die die individuelle Form der Bewegung des Kindes aufnehmen und in gemeinsame Bewegung während der Pflege umsetzen.
  • die die Wahrnehmungsfähigkeiten des Kindes erfassen und individuelle pflegerische Angebote entwickeln können.
  • die dem Kind seine körperlichen Möglichkeiten in der aktuellen Situation, das heißt im Hier und Jetzt, spürbar machen.

Die Wahrnehmungs- und Bewegungsaktivität des einzelnen Kindes sowie seine kommunikativen Fähigkeiten geben uns Betreuenden die Möglichkeit, dem schwerkranken Kind/Jugendlichen eine individuelle Pflege anzubieten, die es unterstützt und begleitet.

Begegnung gestalten – Autonomie leben

Plötzliche Berührungen und Gespräche oder auch eine Ansprache, bei der man nicht weiß, ob man wirklich gemeint ist, können verunsichern. Diese Erfahrungen führen nicht selten zu Gefühlen von Angst, Stress und Orientierungslosigkeit. Beispielsweise kann ein noch so liebevolles Streichen über den Kopf Verunsicherung und Abwehr hervorrufen, wenn das Kind damit nicht rechnet. Flächige und tragende Berührungen geben dem Kind nachvollziehbare Informationen, die Bewegungsaktivität des Kindes kann von der Pflegeperson erspürt werden (Abb. 1 und 2). Das Kind kann sich mit seinen Bewegungsäußerungen ernstgenommen fühlen und gemeinsam mit der Pflegenden Bewegungsaktivität entwickeln.

Die intrauterine Wahrnehmungsentwicklung als Basis für eine professionelle Begegnung

Basale Stimulation bezieht sich auf die vorgeburtlichen Erfahrungen, die jeder Mensch im Mutterleib erlebt hat. Hierbei bilden somatische, vestibuläre und vibratorische Erfahrungen die Grundlage unserer Sinnesentwicklung. Jeder Mensch kennt und benötigt diese vorgeburtlichen Erfahrungen zum Leben. Bei einer tröstenden Umarmung geben wir Begrenzung, Halt und Sicherheit, durch ein somatisches Angebot. Durch sachtes Wiegen werden Impulse an das vestibuläre System gegeben, und die Ansprache mit gedehnten und beruhigenden Worten, vermitteln sanfte vibratorische Informationen. Nicht nur Kinder kennen dieses tief beruhigende Urgefühl. Vertrauen und Sicherheit können so jedem Menschen vermittelt werden. Mittels dieser Basis kann eine Beziehung zu dem einzelnen Kind aufgenommen werden.

Das eigene Leben spüren

Ein Frühgeborenes muss frühzeitig auf elementare Erfahrungen im Mutterleib verzichten, wie zum Beispiel die leichtere Bewegungsaktivität im Fruchtwasser, die sachte Begrenzung der Gebärmutterwand und die rhythmischen Vibrationsimpulse durch den mütterlichen Herzschlag. Pflegerische Angebote wie eine Ganzkörperwaschung oder die umgrenzende Lagerung können hier anknüpfen. Die Struktur und Begrenzung machen das Kind neugierig, motivieren zu Eigenbewegungen und machen ihm seine eigenen Körpergrenzen spürbar.

Entwicklung erfahren

Ein Kleinkind ist aktiv und stets auf Entdeckungsreise. Es nimmt sein Umfeld durch Greifen und Begreifen über Hände und Füße (taktil-haptisch) und vor allem bis zum zweiten Lebensjahr über den Mund und später über den visuellen Sinn wahr. Ist das Kind nun schwer erkrankt und in seiner Bewegungsaktivität extrem eingeschränkt, führt dies zu Wahrnehmungsverlusten bis hin zu Orientierungslosigkeit und bedrohlichen Einschränkungen in seinen kommunikativen Möglichkeiten.

Basalstimulierende Angebote setzen bei den Fähigkeiten des Kindes an, damit es sich im Hier und Jetzt mit seinen Möglichkeiten spüren kann. Ein Beispiel: Durch das Ausstreichen der Körperkonturen mit Druck an den Füßen und am Kopf erhält das Kind einen ersten Eindruck seiner körperlichen Mglichkeiten, es spürt „Hier endet mein Körper.“ Ist sich der Patient so seines Körpers bewusst, kann er Angebote im taktil-haptischen Bereich erst erfassen. Ein sachtes Erspüren von Gegenständen im Intimbereich Gesicht/Mund kann somit angebahnt werden, zum Beispiel vor dem Waschen des Gesichts. Kindliche Fähigkeiten werden respektiert, Orientierung und Sicherheit werden vermittelt. Es wird eine Grundlage geschaffen, um Entwicklung und Genesung zu erfahren.

Eigene Möglichkeiten entdecken

Beim Duschen umhüllt ein mit Wasser durchtränktes Badehandtuch körpernachmodellierend das Kind (Abb. 3). Häufig wird der Duschstrahl als diffus wahrgenommen und führt nicht selten zu Abwehr. Ebenso werden Temperatur und Druckveränderungen über die Haut wahrgenommen. Zudem bleibt die Wärme länger im Handtuch gespeichert und wahrt die Intimsphäre. Das Kind spürt seine Körpergrenze, ist sich so seiner körperlichen Fähigkeiten bewusst und kann das Umfeld erspüren.

Abb. 3: Ein mit Wasser durchtränktes Badehandtuch wird beim Duschen so um das Kind gelegt, dass es seine Körpergrenzen spüren kann.

Abb. 3: Ein mit Wasser durchtränktes Badehandtuch wird beim Duschen so um das Kind gelegt, dass es seine Körpergrenzen spüren kann.

Das eigene Leben gestalten

Kinder möchten spielen, sich in Bewegung und Beschäftigung erfahren. Im Bohnenbad werden minimale Bewegungen über die einzelnen Bohnen weitergeleitet. Diese geben taktile Informationen, zudem werden sanfte Vibrationen hör- und spürbar und motivieren zu Eigenbewegung (Abb. 4).

Abb. 4: Im Bohnenbad werden minimale Bewegungen über die einzelnen Bohnen weitergeleitet und geben taktile Informationen.

Abb. 4: Im Bohnenbad werden minimale Bewegungen über die einzelnen Bohnen weitergeleitet und geben taktile Informationen.

Beschäftigung erfahren

Mittels in Streifen geschnittener Rettungsfolie können selbst Kinder, die sich scheinbar nicht bewegen können, mit ihrem Atem die Knisterfolie in Bewegung bringen, und sachte Berührung spüren (Abb. 5). Sie können selbständig etwas bewirken und Beschäftigung erfahren.

Abb. 5: Mittels in Streifen geschnittener Rettungsfolie können selbst Kinder, die sich scheinbar nicht bewegen können, mit ihrem Atem die Knisterfolie in Bewegung bringen.

Abb. 5: Mittels in Streifen geschnittener Rettungsfolie können selbst Kinder, die sich scheinbar nicht bewegen können, mit ihrem Atem die Knisterfolie in Bewegung bringen.

Orientierung erhalten

Im Fruchtwasser kann das Ungeborene sich leichter bewegen, sich drehen und sich den Lageveränderungen der Mutter anpassen. Diese Impulse regen sein vestibuäres System (Gleichgewichtsorgan) an. Ist das Kind geboren, sind diese vorgeburtlichen Erfahrungen prägend. Das Kind kann sich in Bewegung erfahren, Lageveränderungen nachvollziehen und Orientierung über sich und seine Lage im Raum wahrnehmen. Schwerstkranke Kinder sind auf die Bewegungsangebote der Pflegenden angewiesen.

Angebote wie sanftes Schaukeln auf dem Arm, ein Wiegen in der Hängematte oder aber auch das Handling wie Kinästhetik knüpfen hier an. Mittels spezieller visueller Angebote, zum Beispiel kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilderbücher oder Schwarzlicht, können Kinder mit Einschränkung der Sehfähigkeit Orientierung und Anregung, andere Kinder jedoch auch Ruhe und Entspannung erfahren.

Stabilität empfinden

Bereits im Mutterleib werden Geräusche aus der unmittelbaren Umgebung, wie der mütterliche Herzschlag oder Darmgeräusche als sanfte Vibrationen wahrgenommen. Vibratorische Angebote wie das Kuscheln auf dem Arm mit gleichzeitigem Singen oder Geschichten erzählen, lassen das Kind sein Körperinneres spüren. Stabilität wird ihm vermittelt. Audiorhythmische Angebote wie das Hören von Kinderreimen, begleitet von körperlicher Nähe, zum Beispiel sachtem Klopfen auf den Körper, vermitteln Nähe und regen zudem die Sprachentwicklung an. Bei älteren und aktiven Kindern kann auch ein Massageschlauch die Tiefensensibilität der Knochen anregen.

Das eigene Leben im Hier und Jetzt spüren

Hierzu bedarf es einer elementaren Sinnesanregung. Eine wohlwollende Beziehung, ein Kennenlernen ist Voraussetzung, denn jeder Mensch bringt individuelle Erfahrungen mit in die Begegnung. Die Wahrnehmungsfähigkeiten, die Bewegungsaktivität und die kommmunikativen Fähigkeiten des Kindes knnen somit erfasst werden. Angebote über die zur Verfügung stehenden Sinne unterstützen den Patienten, sich im Hier und Jetzt zu spüren.

Gerade in der Betreuung schwerstkranker Kinder ist dies unverzichtbar. Orientierung, Beziehung, Sicherheit und Stabilität wirken Angst, Verunsicherung und Schmerz entgegen. Die Unterstützung und Begleitung schwerstkranker Kinder und Jugendlicher fordern Eltern, die gesamte Familie, Angehrige und Betreuende im besonderem Maße. Nicht nur das einzelne Kind, sondern auch die Familie, bentigt die unterstützende und frdernde Begleitung im Alltag.

Basale Stimulation stellt die individuellen Mglichkeiten des einzelnen Kindes in das Zentrum der Versorgung, unterstützt es in seinen vorhandenen Mglichkeiten unter der Berücksichtigung familiärer Ressourcen und Ziele. Schwerstkranke Kinder und Jugendliche benötigen Mitmenschen, die auf ihrer individuellen kommunikativen Ebene mit ihnen Beziehung aufnehmen können. Das Konzept der Basalen Stimulation kann eine Basis zum Beziehungsaufbau sein. Da jeder Mensch individuell ist, können hier keine gut wirkenden Maßnahmen als Handbuch beschrieben werden. Jedoch können Möglichkeiten zur sicherheitsvermittelnden Pflege aufgezeigt werden. Pflegerische Angebote können dem Kind seine Mglichkeiten und individuellen Fähigkeiten erfahrbar machen, das eigene Leben im Hier und Jetzt zu spüren.

Literatur:
Bienstein C., Fröhlich A.: Basale Stimulation in der Pflege, Verlag selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf 1991
Bienstein C., Fröhlich A.: Basale Stimulation in der Pflege, Kallmeyer 2003
Frederick Leboyer: Sanfte Hände, Koesel
Ludington-Hoe S.M., Golant S.K.: Liebe geht durch die Haut, Koesel 1993
Mesall A., Rohrbach Ch., Fachpflege neonatologische und pädiatrische Intensivpflege, Urban & Fischer, München, Jena 2006
Messall, Anja (Hrsg.); Löscher, Diana (Hrsg.); Rohrbach, Christiane (Hrsg.); Fachpflege Neonatologische und Pädiatrische Intensivpflege, 2. Auflage Urban & Fischer 2012
Montagou Ashley: Körperkontakte, Klett-Cotta, 2004, 11. Auflage
Münstermann Uta: DVD Basale Stimulation in der Kinderkrankenpflege, Individuelle Mglichkeiten in der Pädiatrie, Elsevier, Urban & Fischer 2009
Maier-Michalitsch, N.J., Leben pur Schmerz, Verlag selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf 2009
Nydahl P., Bartoszek G.: Neue Wege in der Pflege Schwerstkranker, Urban & Fischer 2008, 5. Auflage
Zimmer Renate: Handbuch der Sinneswahrnehmung, Herder 2012

Fotos:
Oliver Berg, Elsevier; Hannah Iserloh Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln; Stefanie Schröder, Elsevier


Autorin
Uta Münstermann
Kinderkrankenschwester, Kursleiterin Basale Stimulation in der Pflege


Fotos:

Oliver Berg, Elsevier; Hannah Iserloh Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln; Stefanie Schröder, Elsevier