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Basale Stimulation

„Dem Patienten etwas Gutes tun“

Basale Stimulation ist ein Konzept, das ursprünglich aus der Heilpädagogik stammt und bei Kindern mit schweren Behinderungen angewendet wurde. Vor rund 25 Jahren übertrug Christel Bienstein die Methode auf die Pflege. Im Interview beschreibt die Pflegewissenschaftlerin, wie sie die heutige Akzeptanz in der Praxis einschätzt, worauf es bei der Anwendung wirklich ankommt und wo sie das Konzept in zehn Jahren sieht.

Frau Professor Bienstein, wie sind Sie auf das Konzept der Basalen Stimulation aufmerksam geworden?

Das war Mitte der 80er Jahre. Ich stand im Rahmen meiner Tätigkeit am Bildungszentrum des DBfK vor der Aufgabe, eine neue zweijährige Weiterbildung für berufserfahrene Pflegekräfte zu konzipieren. Diese sollte – anders als die sonst in dieser Zeit üblichen Fachweiterbildungen im OP- oder Managementbereich – auf die unmittelbare Pflegepraxis ausgerichtet sein. Nun musste ich mir überlegen, was ich inhaltlich in diesen Kurs reinpacke. Bei meinen Recherchen stellte ich fest, dass es international kaum neue Erkenntnisse zu grundlegenden pflegerischen Maßnahmen gab. Fast alle Studien der damaligen Zeit bezogen sich auf den Bereich der Pädagogik, des Managements und der Edukation. Ich fing daher an, mich umzuschauen, was andere Berufe so alles machen – Frisöre, Zahnärzte und therapeutische Berufe zum Beispiel. Ich dachte, vielleicht könnte man sich das ein oder andere für die Pflege abschauen. In diesem Zusammenhang besuchte ich auch Therapiestunden meines Bruders, der als Heilpädagoge mit schwer mehrfachbehinderten Kindern arbeitete. Anfangs war ich irritiert über die Dinge, die ich dort sah. Was macht der denn da mit Sahne und mit Erbsen, fragte ich mich. Nach der Therapiestunde klärte er mich auf: Das ist Basale Stimulation, was ich mit den Kindern gemacht habe.

Wie ging es dann weiter?

Mein Bruder gab mir ein paar Bücher mit, damit ich mich in das Thema einlesen konnte – und je mehr ich das tat, desto spannender fand ich das Konzept. Mit den Teilnehmern meiner neuen Fachweiterbildung erarbeitete ich Ideen, wie man die Basale Stimulation auf die Pflege übertragen kann – bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma und bei Patienten mit Apoplex zum Beispiel. In den Praxisphasen, die Teil der zweijährigen Fortbildung waren, probierten die Teilnehmer die entwickelten Szenarios bei den Patienten aus und berichteten mir von ihren Beobachtungen. Irgendwann kamen wir aber an einen Punkt, wo wir nicht weiterkamen – denn weder ich noch meine Teilnehmer hatten ja Erfahrung mit dem Konzept. Deswegen beschloss ich, Professor Fröhlich anzurufen, den Begründer der Basalen Stimulation.

Wie war seine Reaktion?

Anfangs war er ganz still am Telefon und hörte nur zu. Ich dachte schon: Der ist bestimmt beleidigt, weil ich ihn nicht um seine Erlaubnis gefragt hatte, mit dem Konzept zu arbeiten. Er zeigte sich dann aber sehr interessiert an einer Zusammenarbeit und kam kurze Zeit später zu mir nach Essen. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Zusammenarbeit mit Professor Fröhlich immer intensiver: Ich nahm ihn mit in die Praxis, auf Intensivstationen zum Beispiel, und wendete Elemente der Basalen Stimulation bei schwerstkranken Patienten an. Anfangs war das für ihn alles sehr neu und befremdlich – er hatte ja sonst immer nur mit Kindern gearbeitet. Wir beide merkten aber schnell, dass das Konzept auch in der Pflege sinnvoll angewendet werden kann. Bald begannen wir damit, Pflege-Kurse in Basaler Stimulation zu geben, bildeten Trainer aus und machten die Methode in der Fachwelt bekannt. Mein erstes Buch zur Basalen Stimulation in der Pflege erschien 1991.

Wie wurde das Konzept von den Pflegenden aufgenommen?

Das Interesse war von Anfang an sehr groß. In den ersten Jahren war die Nachfrage nach Kursen in Basaler Stimulation sehr groß. Zudem bin ich durch ganz Deutschland gereist und habe auf großen Kongressen von der Methode berichtet. In den Hörsälen war es dann immer ganz ruhig und das Publikum hörte ganz gebannt zu. Die Akzeptanz bei den Pflegenden war wahrscheinlich auch deswegen so groß, weil ich von Beginn an sehr darauf geachtet habe, dass Basale Stimulation in der Pflege nicht mit Mehraufwand verbunden ist. Denn mir war klar, dass das Konzept nur dann eine Chance hat, wenn die Angebote in Pflegehandlungen, die eh durchgeführt werden müssen, integriert werden können.

Viele Pflegende beklagen aber, dass ihnen die Zeit fehle, um Basale Stimulation anzuwenden.

Das ist ein Argument, das ich nicht gelten lasse. Vor einem Jahr habe ich zur Vorbereitung einer Studie Nachtwachen auf einer Intensivstation gemacht, und in diesem Rahmen eine sterbende Patientin gelagert und gewaschen. Anfangs war sie bei der Pflege sehr unruhig und fing an zu stöhnen, sobald man sie anfasste. Ich habe dann ganz bewusst einzelne Elemente aus der Basalen Stimulation genutzt – ganz ruhig das Gesicht ausgestrichen zum Beispiel, ganz ruhig die Arme ausgestrichen, immer Körperkontakt gehalten –, und sofort gemerkt, wie gut das der Frau tat. Die Atmung wurde ruhiger, die Muskulatur entspannte sich, sie hörte auf zu weinen. Für die Grundpflege habe ich aber nicht mehr Zeit gebraucht, als wenn ich normal gewaschen hätte. Ich wusste lediglich, wie ich etwas machen muss und habe die Pflege dementsprechend ausgeführt. Ein anderes Beispiel ist die Mundpflege: Ob ich als Pflegekraft das Zähneputzen komplett übernehme oder dem Patienten die Zahnbürste in die Hand gebe und ihn vorher kurz an der Zahnpasta riechen lasse, hat mit Zeit nichts zu tun.

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Können Sie als Entwicklerin des Konzepts noch einmal kurz zusammenfassen, um was es bei der Basalen Stimulation im Kern geht?

Es geht um Unterstützung der Wahrnehmungsfähigkeit bei Patienten, die in diesem Bereich deutliche Defizite haben. Das ist der Kern. In der Regel richten sich die Angebote an Menschen mit schweren Erkrankungen, zum Beispiel Patienten mit Schlaganfall, sterbende Patienten, frühgeborene Kinder oder beatmete Patienten. Zielgruppe können aber auch Patienten sein, die beispielsweise eine Amputation haben – dann beschränkt sich das Angebot aber wirklich nur auf die veränderte Extremität.

Für welche Pflegesettings eignet sich das Konzept?

Es ist sehr gut für den Intensivbereich sowie für neurologische Stationen geeignet. Zudem wird Basale Stimulation in der Pflege von Frühchen oft angewendet, und ich bin überrascht, dass es auch in Hospizen immer häufiger zum Einsatz kommt.

Benötigen Pflegende eine bestimmte Qualifikation, um das Konzept richtig auszuführen?

Wichtig ist, dass sie eine bestimmte innere Haltung haben: Sie müssen den Patienten trotz aller Einschränkungen als wahrnehmenden Menschen akzeptieren, der Empfindungen und Wünsche hat, diese lediglich nicht äußern kann. Wenn jemand das nicht tut, sind die Angebote eher ein mechanisches Abarbeiten, das keinen Sinn macht. Basale Stimulation ist etwas, das man nicht von heute auf morgen lernt, sondern sich über eine längere Phase aneignet. Um es richtig anzuwenden, muss man es weitgehend verinnerlicht haben und auch Selbstversuche unternommen haben.

Worauf kommt es bei der Anwendung an?

Ganz wichtig ist, dass Pflegende die Angebote, die sie am Patienten durchführen, genau reflektieren – also immer wieder schauen und beobachten, wie der Patient reagiert und was erreicht wurde. Das erfordert eine gute Wahrnehmungs- und Beobachtungsfähigkeit. Des Weiteren ist es aus meiner Sicht wichtig, dass auch die Pflegedirektion hinter dem Konzept steht. Denn wir erleben immer wieder – gerade im Intensivbereich –, dass Ärzte irritiert sind und sagen: Was soll das denn? Da muss eine Pflegedirektion ganz klar Rede und Antwort stehen, und die Kollegen unterstützen.

Das Pflegekonzept Basale Stimulation gibt es nun seit rund 25 Jahren. Was wurde seitdem erreicht?

Ich bin sehr erstaunt darüber, wie bekannt das Konzept heute ist. Wenn man Pflegeschülern heute etwas über Basale Stimulation erzählt, gähnen sie. Häufig kommt es auch vor, dass Pflegende auf mich zukommen und sagen: Frau Bienstein, in unserer Klinik machen wir eine ganz tolle Form der Atemstimulierenden Einreibung, das müssen Sie sich mal ansehen. Da denke ich mir immer: Toll, die führen das alles ganz selbstverständlich aus und wissen gar nicht, dass das von Dir stammt! Das ist ein gutes Zeichen. Insgesamt ist das Konzept von der Praxis also sehr gut akzeptiert. Es gibt natürlich immer auch Kollegen, die sagen, dass das Konzept nichts für sie ist, zum Beispiel weil es ihnen zu körperbetont ist. Und auch das ist zu akzeptieren. Es muss ja nicht jeder Mitarbeiter auf der Station dasselbe können. Basale Stimulation soll nicht dogmatisch angewendet werden. Wichtiger ist mir, dass einzelne Elemente und Angebote je nach Patient und Situation ausgewählt und ausprobiert werden.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Nehmen wir einen dementen Patienten mit Weglauftendenz in der Akutpflege. Da könnte man wunderbar eine beruhigende Fußwäsche machen, oder eine Fußmassage. Man wird dann möglicherweise merken, dass die Beine schwer werden und der Patient müde wird. Vielleicht will der Patient nun eine Weile schlafen. Sowohl der Patient als auch die Pflegekraft kommen dann zur Ruhe. Oder nehmen wir das Beispiel eines somnolenten Patienten in der Neurologie. Hier könnte man eine belebende Wäsche durchführen und den Patienten anschließend in den Rollstuhl mobilisieren. Vielleicht ist er dann wach genug, um sein Frühstück im Speiseraum zu sich zu nehmen. Dies sind Situationen, in denen Teilaspekte aus der Basalen Stimulation eine große Wirkung entfalten können.

Wie flächendeckend ist das Konzept etabliert?

Es ist zumindest im deutschsprachigen Raum sehr bekannt. Ob es immer angewendet wird, ist eine andere Frage. Insgesamt glaube ich aber schon, dass die Basis das Konzept gut aufgenommen hat. Viele merken, dass es ihren Patienten gut tut. Und das tut ihnen natürlich auch gut – eben weil sie dem Patienten etwas Gutes tun, ohne dass es sie mehr Zeit kostet.

Liegen Forschungsergebnisse zur Basalen Stimulation vor?

Ganz, ganz viele. In der soeben erschienenen Neuauflage meines Buches „Basale Stimulation in der Pflege“ habe ich 40 Seiten über Forschungsergebnisse geschrieben. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen die Wirksamkeit einzelner Elemente aus der Basalen Stimulation bestätigen. Das Konzept im Ganzen ist bislang allerdings kaum umfassend untersucht worden. Das ist auch ganz schwierig durchzuführen, weil die Methode so vielgestaltig ist. Im Grunde fehlt es hier noch an einer geeigneten Untersuchungsmethode. Teilaspekte des Konzepts untersuchen wir an der Universität Witten/Herdecke aber in vielfältiger Form.

Sollte das Konzept weiterentwickelt werden?

Das Konzept entwickelt sich ständig weiter. Wir haben einmal im Jahr, immer im Mai, einen großen Kongress zur Basalen Stimulation. Da finden viele Vorträge und Workshops statt, und ich bin immer wieder begeistert, was sich die Kollegen wieder Neues ausgedacht haben.

Wo sehen Sie das Konzept in zehn Jahren?

Ich würde mir für die Zukunft wünschen, die psychiatrische Pflege stärker einbinden. Denn ich bin mir sicher, dass das Konzept auch für dieses Setting gut geeignet wäre – zum Beispiel bei Patienten mit Depression. Ich bin eh der Meinung, dass die Psychiatrie viel zu körperfern arbeitet – daran muss sich was ändern. Denn gerade psychiatrische Patienten haben häufig ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Nähe. Meine ehemalige Doktorandin Susanne Schoppmann hat zum Beispiel im Rahmen ihrer Dissertation herausgefunden, dass sich viele Patienten mit Borderline nicht verletzt hätten, wenn sie mal jemand in den Arm genommen hätte. Gerade diese Patienten leiden am Verlust der Körperwahrnehmung. Bei Magersüchtigen ist das auch so. Wichtig für die Zukunft wäre auch, pflegende Angehörige stärker in Basaler Stimulation zu schulen. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass die Kollegen in der häuslichen Pflege noch mehr Kenntnisse hätten – auch, um Angehörige im ambulanten Bereich besser anleiten zu können. Mein eigentliches Ziel ist aber, dass das Konzept in zehn Jahren nicht mehr unter dem Begriff Basale Stimulation laufen muss, sondern eine selbstverständliche Grundhaltung in der Pflege wird. Dass man Menschen, die sich selber nicht genügend äußern können, mit Achtung und Respekt gegenübertritt, und über pflegerische Unterstützung die Möglichkeit gibt, wieder am Leben teilzuhaben. Ich bin optimistisch, dass wir das schaffen.

Frau Professor Bienstein, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Stephan Lücke.

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Beitragsbild:

M. Glauser